Eröffnungsrede von Sylvia Bieber zur Ausstellung "66,9°",

Orgelfabrik, Karlsruhe - Durlach, 2004

66,5° ­- knapp, klar und präzise klingt der Titel, mit dem die Künstlerinnen ihr gemeinsames Projekt in der Orgelfabrik Durlach überschrieben haben. 66,5° - ­was verbirgt sich hinter dieser exakten mathematischen Maßangabe?

Gemeint ist der Winkel, den die Erdachse mit der Erdbahnebene einschließt und der sich auch bei der Umkreisung der Erde um die Sonne nicht ändert

Es ist der dadurch bedingte, sich im Jahresverlauf stetig ändernde Einfallswinkel der Sonnenstrahlen auf die nördliche und die südliche Erdhalbkugel, der unser Leben seit Menschengedenken maßgeblich prägt.

Der Wechsel der Jahreszeiten wird auf diese Weise ebenso festgelegt wie die jahreszeitlich differierenden Längen von Tag und Nacht.

66,5° -­ diese nüchterne Maßangabe ist somit letztendlich als Synonym für unseren von außen vorgegebenen Lebensrhythmus anzusehen, für den immer wiederkehrenden Kreislauf der Natur ebenso wie für Werden und Vergehen allen Lebens.

In ihren Installationen “was Brauch ich noch?” und “Nachtlabor” loten Martina Ziegenthaler und Ulrike Tillmann solche Fragestellungen des Werdens und Gedeihens aus, der zyklischen Wiederkehr im Lauf des Lebens und der Veränderungen im und durch den Lauf der Zeit. Dabei kommt dem Faktor Zeit als Maßeinheit allen Lebens ein wichtiges Moment zu: die Zeit als Messlatte für Veränderungen, die sich im Verlauf von Tagen, Wochen, Monaten, Jahren und Jahrhunderten vollzogen haben bzw. in der Zukunft vollziehen werden.

Martina Ziegenthalers raumfüllender Installation liegt thematisch das jahrhundertealte, vorwiegend im europäischen Raum verbreitete Brauchtum des Maibaumaufstellens zugrunde. Schon von alters her wurde der Monat Mai als Beginn des Sommerhalbjahres betrachtet und mit einer großen Feier begangen.

Den Kelten galt das Anfang Mai gefeierte Fest Beltane als bedeutendster kultischer Festtag, der alljährlich aus Freude über das Wiedererwachen des Lebens und das Siegen der Sonne und des Sommers über den Winter und den Tod begangen wurde.

Vom ursprünglichen Fest des 1. Mai sind heute nur noch folkloristische Bräuche übrig, deren regional unterschiedliche Ausformungen oft auch religiöse oder politische Hintergründe haben können.

Seit dem 18. Jahrhundert findet man zunehmend so genannte Figurenmaibäume, d.h. Maibäume, die mit allerlei geschnitzten und bemalten und auf verschiedene Berufe verweisenden Figurengruppen geschmückt sind, mit handwerklichen Zunftzeichen, religiösen Symbolen oder patriotischen Emblemen, oder die mittlerweile sogar Vereinssymbole und Sponsorentafeln tragen können.

In ihrer Installation zeigt Martina Ziegenthaler Objekte, die von der Beschaffung des Baumes aus dem Wald, seiner Entrindung, dem Schmücken, Bewachen, Aufstellen und dem abschließenden Tanz um den Baum erzählen. Die Situation erinnert an ein Lagerhaus, in dem die einzelnen zur Festausübung notwendigen Utensilien aufbewahrt werden.

Der geschälte Stamm, die bunten Schmuckbänder, die großen Kränze wie auch die langen Stöcke, mit deren Hilfe der Baum aufgestellt wird.­ Alles steht bereit für den großen Augenblick. Und doch stellt sich beim Betrachter ein Irritationsmoment ein: Der Stamm besteht nicht aus Holz, die Kränze sind nicht gebunden und die Stöcke sind ungeeignet für die mit ihnen durchzuführenden Arbeiten

Die Künstlerin spielt mit unserer Wahrnehmung, sie bietet uns statt der Originale lediglich Fälschungen an, aus Stoffen oder Kunstleder gefertigte Fakes, die bewusst die reale Musterung des nachempfundenen Originals aufgreifen. 

Auch die meist vielteiligen Figurengruppen der Maibäume erfahren eine auffallende Transformation: Als überlebensgroße, locker im Raum verteilte Einzelfiguren repräsentieren sie der Gegenwart entnommene Berufe, zeigen den Einzelhandelskaufmann ebenso wie den Polizisten, den Müllmann wie den Handwerker, die Kellnerin wie die Stewardess.

In ihrer nüchternen Typisierung scheinen sie einem Katalog für Berufskleidung entnommen. Hat man sich so die zeitgenössische Form der traditionsreichen Maibaum-Berufsbilder vorzustellen?

Dieses Hinterfragen von Sehgewohnheiten, das Abklopfen von Alltagsbildern und -formen auf ihre Gültigkeit ist ein wesentlicher Zug in Martina Ziegenthalers künstlerischem Werk. Dabei bedient sie sich fast ausschließlich textiler Materialien und Techniken.

Vom Modefach kommend, das sie von einer Ausbildung zur Schneiderin und anschließend zur Direktrice von der Pike auf gelernt hat, wechselte sie zur Kunst und studierte in den 1990er Jahren an der Nürnberger Kunstakademie bei Hanns Herpich, dessen Meisterschülerin sie war; seit 1999 ist sie freischaffend.

Inzwischen entstanden zwei- und dreidimensionale Objekte, die “auf ironische Weise den Versuch” entlarven, “sich durch Ordnung und Dekoration des Alltäglichen im Leben häuslich einzurichten”, wie die Künstlerin selbst den Inhalt vieler ihrer Arbeiten charakterisiert. Dies trifft auch auf ihre Installation “was Brauch ich noch?” zu.

Indem sie die überlieferte Formensprache des Maibaumbrauchtums aufgreift, diese jedoch durch die Verwendung untypischer, moderner Materialien sowie die auffallende Veränderung der Größendimensionen verfremdet, macht Martina Ziegenthaler nicht zuletzt deutlich, wie weit sich die heutige Form dieser traditionsreichen Feier von ihrer ursprünglichen Bedeutung entfernt hat.

Ist Martina Ziegenthalers Beschäftigung mit dem Maienbrauch assoziativ mit den Begriffen Sonne, Licht und Wachstum zu verbinden, so könnte man fast versucht sein, die Arbeit von Ulrike Tillmann als deren Widerpart zu bezeichnen. Dunkelheit und Nacht sind hier das Thema.

“Nachtlabor” lautet der Titel, den die Künstlerin ihrer Installation gegeben hat.

“Nachtlabor”, was genau ist unter dieser Bezeichnung zu verstehen, die sich so in keinem Lexikon finden lässt? Lediglich unter ihrer Einzelbedeutung sind die beiden Wörter aufgeführt. Als “Nacht” wird der Teil eines Tages definiert, der zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang liegt, also die Zeit, in der die Sonne nicht am Himmel steht.

Schlägt man unter “Labor” nach, so erfährt man, dass der eigentliche Begriff Laboratorium heißt und vom lateinischen laborare (arbeiten) hergeleitet ist. Als Labor ist heutzutage ein Arbeitsraum im Bereich der Naturwissenschaften zu bezeichnen, eine Arbeits- bzw. Forschungsstätte für wissenschaftliche Versuche. Noch im 16. Jahrhundert bezeichnete ein Laboratorium die Werkstatt eines Alchimisten.

Dunkelheit empfängt den Betrachter, wenn er Ulrike Tillmanns Installation betritt. Schwarze Wände, schwarze Decken, dunkler Boden ­ es ist eine andere Welt, auf die man sich hier einlässt. Schon der Untergrund, auf dem der Besucher sich bewegt, ist anders, weich und nachgiebig. Leise Geräusche sind zu hören, ein Rascheln, Knacken, dazu Schritte, die eigenen und die von anderen.

Die tiefe Dunkelheit ringsum wird durchbrochen von Bildern, die klar und weiß auf dem allgegenwärtigen schwarzen Grund stehen, Bilder, die im Stil technischer bzw. wissenschaftlicher Zeichnungen gehalten sind, auf ihre Konturen reduziert, linear, graphisch. Manche stehen fest auf der Wand, andere tauchen langsam aus dem Dunkel auf, um nach kurzer Zeit wieder zu verschwinden und weiteren Motiven Platz zu machen.

Thematisch sind die Darstellungen verschiedenen Bereichen zuzuordnen, wir erkennen Sujets aus dem Tierreich ebenso wie aus der Botanik, aus der Medizin genauso wie aus der Kunstgeschichte.

Ergänzend zu diesen Bildern tritt das Wort, sind kurze Sätze zu lesen, allesamt Zitate unterschiedlicher Autoren.

Beides, die Bilder und die Wörter, umkreisen dasselbe Thema: nämlich das der Dunkelheit und der Nacht. Zwar hat die Künstlerin eine individuell geprägte Auswahl von Symbolen getroffen, die der Nacht, der Liebe, der Sexualität wie auch dem Tod zuzuordnen sind, doch steht diese Auswahl nur beispielhaft für die große Fülle an nächtlichen Bildern, die jeder Einzelne von uns in sich trägt. So gesehen, wird in Ulrike Tillmanns “Nachtlabor” die Nacht selbst zum Laboratorium umgedeutet, in dem unsere Phantasien, Träume, Ängste und Sehnsüchte ungehindert bildhafte Gestalt annehmen können.

Arbeiten mit Wörtern und Satzfragmenten besitzen in Ulrike Tillmanns künstlerischem Werk einen ebenso hohen Stellenwert wie das graphisch-lineare Element in der Wiedergabe gegenständlicher Motive. Beides hat sicher auch seinen Ursprung in ihrer Ausbildung zur Grafikdesignerin, die sie vor ihrem Wechsel zur bildenden Kunst absolviert hat.

In den 1990er Jahren studierte sie an der Kunstakademie in Karlsruhe bei Michael Sandle und Hiromi Akiyama. Seit nunmehr vier Jahren ist sie freischaffend in Karlsruhe tätig.