VIRTUELLE GEDENKSTÄTTE für ausgestorbene Pflanzen" heißt der Film, zu dem es die Vorführung "Faites vos jeux" mit Ulrike Tillmann (links) und Libuse Schmidt gab.

Auf der Suche nach Bedeutung

Papierarbeiten und Videokunst sind im Bühler Friedrichsbau zu sehen.

Formen und Strukturen, in denen der Betrachter nach Mustern sucht, so dass jeder andere Dinge darin sieht: Im Bühler Friedrichsbau sind jetzt Papierarbeit en von Anja Kniebühler und Videokunst von Ulrike Tillmann zu sehen ."Der topologische Raum" lautet der Titel- "da ist man erst einmal geneigt , zu googeln", sagte Bürgermeister Wolfgang Jokerst bei der Eröffnung, bevor die Kunsthistorikerin Elke Allgaier in die Ausstellung einführte. Punkte, Linien und Flächen, in denen jeder nach Bedeutungen suchen und etwas anderes darin erkennen kann, stehen bei beiden Künstlerinnen im Mittelpunkt; ihre Bilder seien Standortbestimmungen, so Allgaier. Das meint auch - grob zusammengefasst - dieser mathematische Begriff: Punkte, die einem Raum eine Struktur geben.

"Jeder Anfang ist schwer. Jedes Ende ist der Beginn von etwas Neuen", flimmert über die Videoleinwand, die mitten im Raum steht. Nach und nach bauen sich schwarz-weiße Zeichnungen von Pflanzen auf, versehen mit ihrer lateinischen Bezeichnung und dem Ort, an dem sie zuletzt gesehen wurden . "Virtuelle Gedenkstätte für ausgestorbene Pflanzen" heißt Ulrike Tillmanns Film, den sie am Computer gezeichnet hat und der hier in einer Endlosschleife zu sehen ist . Dazu passend gab es eine Vorführung ("Faites vos jeux") von Tillmann zusammen mit Libue Schmidt, bei der tellerartige Röcke aus bestickten Leinwänden zu Blütenblättern und die ausgestorbenen Pflanzen von der Leinwand in die dritte Dimension geholt wurden.

Um Werden und Vergehen geht es auch in dem Film, der auf die andere Seite der Leinwand projiziert wird. In dem Beitrag "Dialog" entstehen und verschwinden Linien, Flächen und Punkte. Aus dem Lautsprecher sind dazu einzelne Textausschnitte aus Radio und Fernsehen zu hören. "Es fasziniert mich, dass man sich aus den Fragmenten selbst Geschichten bauen kann", sagte Ulrike Tillmann. Die gelernte Werbe-Grafikerin lebt und arbeitet in Karlsruhe und befasst sich seit drei Jahren mit dieser Form der Videokunst . In einer Mediathek in der Ausstellung sind ihre Filme zu sammengestellt.

"Die Ausstellung hätte auch ,Weiß in ,Weiß' heißen können", erklärte sie, denn an dieser Stelle treffen sich die Arbeiten der beiden Künstlerinnen, die beide an der Karlsruher Kunstakademie studiert haben und sich vor der Ausstellung nicht kannten . "Wir haben uns ab er prima ergänzt ", erzählte Anja Kniebühler aus Freiburg. "Ich verorte gerne Gegenstände, so dass sie nur noch erinnern"; fasste sie ihre Bilder zusammen . Auf weißem Papier lässt sie mit Nadelstichen Strukturen aus kleinen Löchern entstehen, die je nach Licht eine andere Oberfläche bekommen, mal samtig, mal rau. Zusammen mit einzelnen Tuschelinien entstehen so Räume auf dem Papier, in denen jeder eine andere Form wahr nehmen kann. "Es erfordert ein Hinsehen auf den zweiten Blick." Eine "Kunst der Ent schleunigung" sei das, beschr ieb Elke Allgaier in ihrer Rede.

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Text und Fotografie: Stefanie Prinz.

Acher- und Bühler Bote vom 2013-09-30

 

"Faites vos jeux- Machen Sie Ihr Spiel" titelt die Performance zur Ausstellung "Der topologische Raum".

Kunstwerke schärfen die Sinne

Anja Kniebühler und Ulrike Tilmann stellen im Friedrichsbau aus

 "Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie der Friedrichsbau die Künstler inspiriert", sagte Bürgenneister Wolfgang Jokerst bei der gut besuchten Ausstellungseröffnung am Freitagabend. Auch sei er überrascht vom Charme der präsentierten Werke, von diesem kreativen Dreiergespräch zwischen den beiden Künstlerinnen Anja Kniebühler und Ulrike Tilmann und dem historischen Gebäude.

Auch für die Besucher birgt diese neue Ausstellung wieder eine Überraschung. Schienen grade noch die üppigen Blumenbilder des Schkeuditzer Malers Heinz Mutterlose wie gemacht für den Friedrichsbau, bietet dieser jetzt einen perfekten Rahmen für das genaue Gegenteil: Für eine radikal reduzierte Kunst, die sich auf Linien, Formen und Punkte, auf Schwarz und Weiß beschränkt.

"Der topologische Raum" heißt diese Ausstellung, wobei der mathematische Begriff keine wirkliche Erklärung bietet. Für die Kunsthistorikerin Elke Allgaier bezeichnet er die Idee beider Künstlerinnen, "unsere Sinne zu schärfen und Wahrnehmung zu thematisieren".

"Wir hätten die Ausstellung auch ,Weiß in Weiß' nennen können", zeigt sich die aus Karlsruhe stammende Ulrike Tillmann im BT-Gespräch begeistert von der kongenialen Zusammenarbeit mit Anja Kniebühler. Zeichnungen speziell für den Friedrichsbau "Wir haben uns vorher nicht gekannt und doch ergänzt sich unsere Kunst perfekt", freut sich auch die Freiburgerin Kniebühler.

"Meine Papierwerke brauchen Licht, der Film braucht Dunkelheit, ich bespiele die Wand, die Leinwand die Raummitte und dabei ist alles gleichennaßen extrem reduziert." So ganz nebenbei ist das auch ein Kompliment an die Bühler Kunstkommission, die mit ihrer Auswahl offensichtlich einen kräftigen KreativSchub erzeugt hat.

So empfand Anja Kniebühler die großen Wandflächen als Herausforderung, denn erstmals konnte sie großformatig arbeiten und hat fünf Zeichnungen speziell für den Friedrichsbau geschaffen. Sie arbeitet mit Papier, das sie mit feinen Nadelstichen durchwirkt und mit Tuschelinien ergänzt. Dabei möchte sie Gegenstände neu verorten, so dass sie nicht mehr erkennbar sind. Ihre künstlerische Absicht ist es, dass die Gegenstände nur noch erinnern. Die Bilder haben keine Titel, denn für jeden Betrachter eröffnet sich ein assoziativer Spielraum. Die Struktur, Textur, die Erhabenheit verändert sich je nach Lichteinfall und Betrachtungswinkel und in jedem Fall zieht es den Betrachter, der die Zeichnungen auf sich wirken lässt, zum genauen Schauen hin.

Ulrike Tillrnann hat für Bühl die Performance "Faites vos jeux - Machen Sie Ihr Spiel" geschaffen, die sie zusammen mit Libuse Schmidt im Rahmen der Ausstellungseröffnung präsentierte. Aus schwarzem und weißem Projektionsgewebe hatte sie sieben tellerförmige Textilobjekte genäht und mit zarten Pflanzen bestickt. Zu Vogelgezwitscher zogen die beiden Künstlerinnen diese überdimensionalen Blütenblätter übereinander und platzierten sie am Ende in der Mitte des Raums. "Ich setze dir ein Denkmal", sagte Tillmann zu jedem Blatt und bezog sich damit auf ihr Hauptwerk, zwei Filmarbeiten, die das Werden und Vergehen in den Mittelpunkt stellen.

Der Film "Die virtuelle Gedenkstätte für ausgestorbene Pflanzen" ist eine Arbeit, die vermutlich nie enden wird, ein sogenannter "Work in Progress". Mit schwarz-weißen Linien lässt Ulrike Tillmann zarte Pflanzen-Geschöpfe die Leinwand erklimmen. Mit feiner Schrift fügt sie dem ästhetischen Bild die Ernüchterung hinzu: Jahr und 0rt, als die Pflanze zum letzten Mal gesehen wurde.

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Text und Fotografie von Martina Fuß 

Badisches Tagblatt vom 2013-09-30