Inspektor Überall
- ein Kriminalfilm entsteh 
Eröffnungstext von Ondine Dietz

Kunsttransit, 2011

Die Initialzündung zu dem Filmprojekt „Inspektor Überall“ gab ein Moment kollektiver Inspiration und synchronisierter Sehnsucht nach Austausch, Ausdruck, Erschaffung einer Welt/Ggenwelt/Kinowelt, inmitten einer spannenden Diskussion über Kunst ausgebrochen, gewürzt von einer Kaskade von wortspielenden Assoziationen, Kalauern, Scherze, die schnell in eine Abundanz von zitierten Bildbeispielen aus der Filmgeschichte führten und die fast zeitgleich eine ad hoc entstandene, Gesprächsrunde zur Folge hatte, die plötzlich ganz konkret Ideen, Geschichten zu einem Drehbuch austauschte und auswählte, so als hätten sich Künstler aller Disziplinen, die zufällig zusammensaßen, aber in Wirklichkeit immer schon „Film machen“ wollten, als ein Phänomen der totalen Kunst. Eine Idee hatte zu uns gefunden. Eine Gruppe von Cinephilen tauschte sich immer intensiver und explosiver aus mit dem Resultat, dass man beschloss diesen Film zu drehen, einen Film, den noch kein Team bisher zustande gebracht hatte, einen atemberaubend spannenden, ästhetisch besonders wertvollen Film zu drehen, einen kollektiv realisierten no Budget Film, gleichzeitig als Hommage verstanden an das Werk der Cineasten, deren Oeuvre man inbrünstig verehrte, zum Beispiel die des Expressionismus, des Film Noir und Neo Noir und der Nouvelle Vague, dessen Werke unsere Biografien und unsere Kunst geprägte hatten. Ein Kriminalfilm sollte es werden, da schnell als universell gültig -im Bewusstsein der gefährlichen Nähe zum Allgeimeinplatz-definiert werden konnte, dass alle guten Geschichten, alle großartigen Stoffe, aus denen man Literatur oder Film, jemals gemacht hatte oder noch machen konnte, dem moralisch-ästhetischen Diskurs folgten, sich mit menschlichen Abgründen befassten, Leidenschaften und Begierden unter die Lupe nahmen, die essentiellen philosophischen Fragen stellten nach: Moral, nach der Relation zwischen dem bestirnten Himmel und der Unzulänglichkeit der Erkenntnis, und dem von Kant postulierten ontologischen Fakt des moralischen Gesetzes in uns und seinen Abweichungen, nach freiem Willen versus Determination. Es gibt wahrlich kein literarisches Dokument der Menschheitsgeschichte, angefangen von kosmogonischen Erklärungsversuchen, von der Aufzeichnung religiöser Betrachtungsweisen und versuchen, diese in einer Symbolsprache zu systematisieren, die nicht von menschlichen Konflikten handeln, die in moralischen münden, von konkurrierenden Wertesystemen und dialektisch aufeinander reagierenden Mächten. Angefangen von der Ramayana und Mahabharata, von der Epopee des Ghilgamesh, über die griechische Tragödie, über Shakespeare und Dostojewski und bis in die moderne und postmoderne Kultur, deren Thema und Inhalt nicht komprimierbar wäre zu einer Essenz, deren Synthese keine moralische Geschichte ergeben könnte, über das Verhältniss von Moral und Freiheit, Verbrechen und Gerechtigkeit, Grenzüberschreitung, Tabubewahrung und Tabubruch, individuelle Moral im Verhältnis zur kollektiv universell gängigen. Andererseits gibt es auch keine Kriminalgeschichte, die nicht als philosophisch-ethische Allegorie verstanden werden könnte, zu keinem philosophisch geistigem Abenteuer verführt, zur tiefenpsychologischen Exploration und Archetypen-Analyse. Es gibt gleichzeitig keine größere Herausforderung, und aus der Faszination, aus dem Flirt mit dieser Herausforderung entstand das Projekt, deren Anfänge in dieser Ausstellung dokumentiert werden, als die, die Komplexität der Problematik anhand einer intertextuell raffiniert konstruierten Handlung aufzuzeigen, auf deren suspensetragenden Mäandren gleichzeitig klischeebefreiten Figuren navigierend agieren und bei dem übersättigten, äußerst skeptischen und anspruchsvollen Publikum von heute eine Katharsis induzieren könnte. Den Karlsruher Künstler galt auch als Herausforderung, eine ästhetische Rebellion gegen die Tatort-Ästhetik oder Antiästhetik mit ihrer Stereotypie und Klischeereichtum konstruktiv anzuzetteln, mittels der Inspiration des genius loci einen Karlsruher genialen Golem in der Gestalt des investigativen Superhirnes Inspektor Überall zu erschaffen, dessen Figur sich an die Figuren der Klassikern des Genres orientiert, wie: Billy Wilder, Hitchcock, Melville, Chabrol, David Lynch.

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