"Jeder Pfad hat seine Pfütze"

Eröffnungstext von Michaela Dworatzek

Raum 2, Mannheim 2011

Ulrike Tillmann ist eine Sammlerin. Sie sucht nach Sätzen, meist Zitate oder Sinnsprüche aus unterschiedlichen Kulturkreisen. So handelt es sich bei der Ausstellung "Jeder Pfad hat seine Pfütze" um ein englisches Sprichwort. Ebenso fasziniert ist sie von Zeichnungen, wie man sie beispielsweise in einem Lexikon oder in einer Gebrauchsanleitung findet. Diese Fundstücke werden digitalisiert, geordnet und in Form von Datensätzen aufbewahrt. Die Künstlerin hat somit ein Archiv, also ein externes Gedächtnis angelegt, das ihr als Materialspeicher und Ideenkatalysator für ihre Kunstwerke dient.  
 
Aristoteles sah die Phantasie mit dem Gedächtnis unmittelbar verknüpft: Kreativität ist immer erinnerndes Neugestalten. Aber nur selten ist dies so deutlich nachvollziehbar wie in den Bildern und Installationen von Ulrike Tillmann. In Ihrer Arbeit "Bildarchiv", die aus 53 kleinformatigen Einzelarbeiten besteht, hat die Künstlerin ihrer Leidenschaft für das Sammeln und Kombinieren Form gegeben. Es handelt sich hierbei um Ölgemälde, die jedoch nicht alle nebeneinander plaziert, sondern teilweise hintereinander gestapelt sind.  
 
Ulrike Tillmann fordert uns auf, in diesen Arbeiten zu blättern, zu graben und das Hinterste nach vorne zu ziehen. Hierbei eröffnen sich zwischen den Bildern immer neue Bezüge, ganze Assoziationsketten werden hierdurch im Betrachter ausgelöst. Aber nicht nur durch die Wechselwirkung der Bilder untereinander springt die Phantasie an, die Bildmotive selbst sind als unauflösbare Metaphern angelegt, indem sie Texte mit Bildern konfrontieren, die meist nichts miteinander zu tun haben. So lässt sie auf einer hellgrau angelegten Bildfläche die schwarz gezeichnete Girlande eines Stickmusters schweben. Ebenfalls aus schwarzen Linien gebildet fügt sie in Schreibschrift den Satz hinzu: "ich fand es - ich freute mich - ich verlor es". Wir können nicht anders! Wir versuchen immer das Rätsel zu lösen, die Nuß zu knacken, hier, die Bedeutungslücken zu füllen, die sich zwischen dem Motiv und dem Text auftun. Unser Gehirn ist ein unendlicher Schöpfer mit dem ihm eigenen Vermögen der innovativen Kombinatorik.  
 
Ulrike Tillmann bietet uns Zeichen an, die wir untereinander und mit unserem eigenen Erinnerungsvorrat neu verknüpfen. Immerhin, die Auswahl der Zeichen trifft die Künstlerin, so dass sie unser Spiel der Assoziationen zwar nicht völlig in der Hand hat, aber doch die Richtung lenkt. Oder verbinden Sie das Sticken etwa nicht mit einer weiblichen Tätigkeit, mit einem unendlichen Werken, mit Verletzungsgefahr durch die spitze Nadel, mit Verbindung, Band, Ornament, Lebensfaden, Ariadnefaden, ...?  
 
Schauen Sie sich die Arbeiten an und spielen Sie Ihr eigenes Spiel aber verirren Sie sich nicht im Labyrinth. Der Faden taucht als wiederkehrendes Motiv ebenfalls in den aus einzelnen DIN A 3 Blättern zusammengefügten Papierarbeiten auf. Er verbindet einzelne Bildelemente und schafft Beziehungen zwischen den Bildgruppen, die Ulrike Tillmann wie Ausschnitte einer Landschaft im Ausstellungsraum verteilt hat. Der Faden verbindet jedoch nicht nur A mit B, sondern ist einer Metamorphose unterworfen: aus A entsteht B. So zeigt die Künstlerin eine Hand, um die eine Schlinge gewunden ist. Das Motiv ist durch einfache Linien dargestellt, die im weiteren Verlauf der Grafik plötzlich ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Objekt überwinden und aus sich eine neue Form, hier Anemonen, entstehen lassen. Dieses Verfahren erinnert an die Bildwelten von M. C. Escher. Es wird ein surreales nebeneinander von eigentlich unvereinbaren Realitätsebenen geschaffen, die wir als Betrachter wiederum staunend unserem eigenen Bildgedächtnis zuführen. Auf diese Weise haben wir uns - zumindest eine gewisse Zeit lang, Teile von Ulrike Tillmann's Archiv zu eigen gemacht. Hugo von Hofmannsthal bringt es mit seiner Definition von künstlerischem Schaffen und Sammlertätigkeit auf den Punkt: "Er (der Künstler, der Archivar) stellt sie (seine Zeichen, die Fundstücke) so zusammen, das sie zugleich neu und seltsam scheinen und zugleich auch wie zum ersten Mal ganz sich selbst bedeuten, sich auf sich selbst besinnen."

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