Katalogtext von Melanie Ardjah zur Ausstellung
"Kunst-Stoff",

städt. Galerie, Karlsruhe, 2012

In einem sich ständig erweiternden, digitalen Archiv sammelt Ulrike Tillmann Motive und sprachliche Fragmente, die ihr Interesse wecken. Im Zuge des Arbeitsprozesses sichtet die Künstlerin den Fundus und wählt aus - einzelne Elemente finden somit durchaus zufällig zueinander. So geht in der eigens für die Ausstellung „Kunst-Stoff“ konzipierten Wandarbeit das Motiv der schlafenden Frau auf einer Recamiere mit dem überdimensionierten Blütenkelch eine Verbindung ein. Als Material verwendet die Künstlerin ein Seil, das einer Zeichnung gleich allein Konturen formuliert. Fläche und Linie bestimmen die Darstellung, nur in Ausnahmen finden sich Details, wie in den Tentakeln und Flügeln der Tiere. Die Reduktion auf das Grafisch-Lineare und die Auseinandersetzung mit textilen Materialien sind wesentliche Themen im Werk der Künstlerin, die sie auch in Gemälden, Reliefs sowie großen Rauminstallationen umsetzt. Surreal mutet die Komposition der Wandarbeit an, eine Erzählung wird nur mehr angestoßen. Ist die weibliche Gestalt in trauter Symbiose mit dem Werkzeug eingeschlafen oder geht sie in den auferlegten Pflichten des Alltags unter? Vielleicht träumt sie auch, wie der Spruch über ihr andeutet., vom Flügel, der ihr wachsen könnte. Ulrike Tillmann verweist mit ironischem Blick auf das tradierte Rollenbild der frau, auf ein Klischee, aber auch auf das Eingebundensein in Verhaltensmuster und gesellschaftliche Zwänge. Diese engen Verknüpfungen spiegeln sich im Verlauf des Seils, das die einzelnen Fragmente der Komposition zusammenfügt. So ragt aus dem Staubsaugeraufsatz ein Faden, der sich zu einem Gewebe verstrickt, die Fragmente der Blüte wandeln sich zu Nudeln, die von der Gabel eingedreht werden. Ambivalenten und durchaus morbiden Charakter erhält das Geschehen durch die Maden, die sich durch den Stempel der Blüte fressen und den Frosch, der mit langer Zunge nach der nicht sichtbaren Fliege zu schnappen scheint