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Eröffnungsrede von Elke Allgaier zur Ausstellung
Anja Kniebühler/Ulrike Tillmann – "Der topologische Raum",

Friedrichsbau Bühl, bis 20. Oktober 2013

Unter dem Titel »Der topologische Raum« entwickeln die Grafikerin Anja Kniebühler und die Videokünstlerin Ulrike Tillmann einen feinsinnigen Dialog zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Elke Allgaier hat ihnen in ihrer Eröffungsrede, die wir hier in Auszügen abdrucken, nachgespürt. (...) Zeichenkunst trifft auf Filmkunst. Unter diesem Leitgedanken finden im Bühler Friedrichsbau zwei künstlerische Positionen zusammen: Anja Kniebühler arbeitet mit dem Material Papier – sie durchwirkt mit feinen Nadelstichen den Bildträger und ergänzt diese mit Tuschelinien. Ulrike Tillmann hingegen arbeitet mit Neuen Medien. Sie präsentiert experimentelle Bildfolgen mit erzählerischen Momenten. In der Ausstellung des Bühler Friedrichsbaus entwickeln beide Künstlerinnen einen feinsinnigen Dialog zwischen ihren Werken. Was die beiden Künstlerinnen zusammenführt, ist ihr gemeinsames Interesse an unkonventionellen Herangehensweisen. Sie sprengen den traditionellen Terminus „Zeichnung“. In den Papierarbeiten und Filmarbeiten entwerfen sie Muster und Raster. Die aufgereihten Punkte in den Papierarbeiten von Anja Kniebühler oder die zügig platzierten animierten Linien und Bildsequenzen in den Filmen von Ulrike Tillmann entstehen in einem Wechselspiel von Kontrolle und Zufall. Dabei geht es den Künstlerinnen darum, Strukturen zu formen, mit welchen sie nach Bedeutung suchen. Ihre Bilder sind Standortbestimmungen und so haben sie den Begriff des „topologischen Raumes“ ins Spiel gebracht. Dieser an sich mathematische Begriff ist der Aufhänger der gemeinsamen Ausstellung. Mit ihren Werken setzen sich die Künstlerinnen damit auseinander, unsere Sinne zu schärfen, Wahrnehmung zu thematisieren. Beide Künstlerinnen lassen Punkt, Linie und Fläche in fantastische Sphären aufsteigen. Der Betrachter sucht mitunter nach Mustern, denen er Bedeutung gibt, mal erkennt er hier ein Gefäß, dort einen Baum oder ein Blatt. Weitere Gemeinsamkeiten verbinden die beiden Künstlerinnen. Ihre Ateliers liegen im Badischen – Anja Kniebühler lebt und arbeitet in Freiburg, Ulrike Tillmann in Karlsruhe. Studiert haben sie an der Kunstakademie in Karlsruhe – und vor ihrer Studienzeit absolvierten beide eine solide Ausbildung. Anja Kniebühler hat das Handwerk des Typografen erlernt und Ulrike Tillmann die Fertigkeiten des Grafik-Designers.

 

Anja Kniebühlers Papierarbeiten aus den letzten Jahren bilden ob ihrer schwerelosen atmosphärischen Leichtigkeit einen Schwerpunkt der Bühler Ausstellung. Die Künstlerin fordert uns auf, genau hinzusehen: Mit einer feinen Nadel durchstößt sie das Trägermaterial Papier und fügt ergänzende Tuschelinien hinzu. Das Ergebnis ist dann ein Bild, in dem die Nuancen jeder einzelnen Spur auf der Bildoberfläche eine wichtige Rolle spielen. Was zählt, ist die radikale Reduktion. Ihren Ursprung haben diese Zeichnungen in einem Arbeitsaufenthalt in Island im Dezember 2007. Nur drei Stunden Licht sind den Inselbewohnern in dieser Jahreszeit vergönnt. Für einen Augenmenschen wie Anja Kniebühler, die ihren Aufenthalt ausgerechnet in der dauerhaft dunklen Jahreszeit hatte, war das eine besondere Herausforderung. Als hätte die Dunkelheit ihr die Augen geöffnet, berichtet sie von der »wunderschön reduzierten Welt auf Island (...) in dieser kargen Landschaft, da schaust du dir die kleinen Pünktchen an«. So entstanden allmählich Zeichnungen, die auf Punkten und gepunkteten Linien basieren.

Ein Jahr später, 2008, als Stipendiatin der Cité des Arts in Paris, erhielt die Künstlerin inspirierende Anregungen während zweier Ausstellungsbesuche. Zum einen hinterließen die Zeichnungen von Hokusai, die im Musée Guimet ausgestellt waren, einen tiefen Eindruck - besonders aufgrund ihrer grafischen Qualitäten. (...) Dann folgte die Begegnung mit einer Altmeisterzeichnung in einer anderen Ausstellung: In der Mantegna-Schau im Louvre konnte sie Leonardo da Vincis Porträtzeichnung von Isabella d´Este studieren. (...) In dieser Zeichnung sind etliche feine, durchstochene Punkte auszumachen, die für Reproduktionszwecke, z.B. für Fresken oder weitere Vervielfältigungen, zur Markierung von Umrissen dienten. Genau das war es, wonach Anja Kniebühler suchte - eine Technik, die das Papier teilweise zerstört, zugleich Orientierungslinien bildet und damit Potential für eine eigene künstlerische Zeichensprache hat.

Infolgedessen entstanden Serien, die aus Löchern gebildete Strukturen aufweisen; zunächst Kleinformate (seit 2008), Mittelformate (2011/12), dann Großformate (2012/13). Sämtliche Zeichnungen sind ohne Titelbezeichnung - die Titel entziehen sich einer konkreten Zuordnung. Das hat einen guten Grund: Im Prinzip ist das eigentliche Thema die Zeichnung als solche. Es ist eine Kunst der Entschleunigung, der atmosphärischen Zwiesprache der reduzierten Gestaltung. Damit führt sie die Tradition der Zeichenkunst weiter in das Hier und Jetzt.

Ganz anders agiert Ulrike Tillmann. Sie kommt ursprünglich aus der Werbegrafik und wendet sich in den letzten Jahren verstärkt den Neuen Medien zu. Im Bühler Friedrichsbau haben wir erstmals die Gelegenheit, das Gesamtwerk ihrer Animationsfilme (2010-13) in einer eigens eingerichteten Mediathek zu sehen.

Im Zentrum der Ausstellung stehen zwei Filmarbeiten, die dieses Jahr entstanden sind, quasi frisch gezeichnet, geschnitten und bearbeitet. Sie werden jeweils als Videoloop, in einer Endlosschleife präsentiert und sind auf eine gewisse Art und Weise eng miteinander verbunden: Mit dem Beamer werden sie auf eine großformatige Fläche gerichtet – jeweils auf die Vorder- und Rückseite dieser Projektionsfläche. Die Hauptarbeit trägt den Titel »The virtual memorial of extincted plants« (6 Minuten, 2013) – eine virtuelle Gedenkstätte für ausgestorbene Pflanzen. Auf der anderen Seite präsentiert die Künstlerin den Film »Dialog« (10 Minuten, 2013).

In beiden Arbeiten geht es um den Aspekt des Werdens und Vergehens. Der Beitrag »Dialog« zeigt eine Textcollage, in der ein Sprecher und eine Sprecherin abwechselnd Phrasen von sich geben, sich scheinbar unterhalten. Wie beiläufig arrangiert eine im Prinzip unsichtbare Person das Geschehen. Ihre Hände schieben ruhig und lässig Formen und Linien auf der Projektionsfläche zurecht. Dadurch werden grafische Elemente geordnet, doch kurz darauf verselbständigen sie sich, um dann wieder geordnet zu werden und sich abermals zu verflüchtigen. Es ist ein Werden und Vergehen von Formen, Linien, Flächen und Punkten. Das Gesamtarrangement gibt ein surreales Stimmungsbild wieder und erinnert an absurdes Theater. Verwendet hat die Künstlerin hierfür Aussprüche, Feststellungen und Fragen, die sie Dialogen aus Film, Fernsehen, Zeitschriften, Hörfunkbeiträgen etc. herausschneidet. Diese Fragmente setzt sie als Collage zu einem neuen Werk zusammen.

Auch die »Virtuelle Gedenkstätte für ausgestorbene Pflanzen« thematisiert das Prinzip des Werdens und Vergehens. In den Fokus nimmt die Künstlerin Überlieferungen einer nicht mehr existierenden Pflanzenwelt. Den Kern der Videoarbeit bilden am Computer generierte animierte Zeichnungen in Schwarz-Weiß. Jede einzelne Pflanze tritt mit einer zauberhaft anmutenden Leichtigkeit in Erscheinung. Der Betrachter kann zusehen, wie jedes gezeigte Exemplar mit seiner lateinischen Bezeichnung in Erinnerung gerufen wird. Erläuterungstexte geben uns Auskunft über die Spezies, den Ort des ehemaligen Wuchses, den Zeitpunkt und die Ursache des Verschwindens. So begegnen uns beispielsweise: »Begonia eiromischa«, »Filago neglecta«, »Pradosia glaziovii«, »Streblorrhiza speciosa«, etc. Jede einzelne Pflanze erscheint als Individuum, wird für einen kurzen Moment virtuell zum Leben erweckt. Dann weggeblendet. Und schon wird die Aufmerksamkeit auf das nächste Exemplar gelenkt.

Die mit wenigen, lässig, fast flüchtig platzierten Linien entstehenden Pflanzen sind so ausdrucksstark, fast zu schön, dass ich kurzfristig Zweifel daran gehegt habe. Vielleicht sind die Pflanzen Kunstprodukte? Also nur erfundene Exemplare? Für einen Moment hatte ich insgeheim gehofft, dass diese wundersamen Exemplare ureigene künstlerische Schöpfungen sind. Aber während eines Atelierbesuchs im Gespräch mit Ulrike Tillmann habe ich erfahren, dass die Zeichnungen auf Vorlagen von gedruckten wissenschaftlichen Büchern basieren. Insbesondere Herbarien waren der Ausgangspunkt der virtuellen Gedenkstätte.

In Herbarien begegnet man oftmals naturgetreuen präzisen Pflanzenskizzen oder bisweilen auch getrockneten Exemplaren, soweit vorhanden. Diese oftmals voluminösen Kompendien sind der Künstlerin zugleich Vorbild und Ansporn. Sie ergänzt den Fundus ihrer animierten Zeichnungen fortwährend und baut kontinuierlich neue Pflanzen in den Videoloop mit ein. Wir dürfen gespannt sein auf weitere Exemplare, die noch hinzukommen werden. Insofern stellt der Loop ein work in progress dar und wird damit auch eine zusehende Bedeutung als Wissensspeicher erfahren.

 

Als weitere Komponente neben den animierten Pflanzenzeichnungen sehen wir mit der Filmkamera festgehaltene Naturaufnahmen. Diese Sequenzen zeigen eine vor Kraft strotzende pralle Natur. Und siehe da, zwei Frauengestalten durchschreiten und durchtasten die Botanik. Wie selbstverständlich scheinen sie die Natur zu erforschen. Und wie selbstverständlich entschwinden auch sie wieder aus der Bildfläche. Was bleibt ist eine ungebundene, nicht geordnete, mit Ruhe erfüllte Naturaufnahme.

Beim Anblick dieses satten, groß dimensionierten Naturstückes drängt sich ein Vergleich zu einer Inkunabel der Renaissance auf. Albrecht Dürers Aquarell »Das große Rasenstück« (1503; Albertina, Wien) ist ein kunsthistorischer Meilenstein, insbesondere in der Betrachtung der Natur. Dürer erkannte, dass die Natur als Lehrmeisterin für den Künstler von unermesslichem Reichtum ist; so ging die Renaissance bekanntlich auch mit der Entdeckung der Natur durch die Künstler einher. In seinem letzten Lebensjahr formulierte Dürer denn auch einen denkwürdigen Satz, der seine Ehrfurcht vor Naturphänomenen vielschichtig ausdrückt: »Dann wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie...« (1528).

In dieser Tradition eröffnet auch heute die Natur den Künstlern ein weites Arbeitsfeld. Sie zeigen uns anhand von Naturbeobachtungen die Facetten des Werdens, Vergehens und der Neuschöpfung. In ihrer Videoarbeit »The virtual memorial of extincted plants« – dieser virtuellen Gedenkstätte – tritt Ulrike Tillmann als Sammlerin und Schöpferin hervor. Als hätte sie aus ihrer animierten Filmarbeit etwas herausgerissen, liegen hier vor uns tellerförmige Textilobjekte, welche die Virtuelle Gedenkstätte zu einer raumgreifenden Installation in die 3. Dimension ausweiten. Die Installation wird jetzt gleich zum Leben erweckt. Mehr möchte ich nicht verraten. Ich freue mich ganz besonders, für heute Abend Ulrike Tillmann und Libuše Schmidt ankündigen zu dürfen, die zum Auftakt der Ausstellung nun gleich unter dem Titel »Faites vos jeux« (Spielen Sie jetzt / Machen Sie ihr Spiel) die Ausstellung mit einer Performance eröffnen werden.

(...)