"die Quadratur der Konvention", Eröffnungsrede von Daniel Cämmerer zur Ausstellung “Luftraumarchiv”, Ulrike Tillmann/
Martina Ziegenthaler

altes Kreishaus Landau, 2004

Sich Bildwerken und deren Aussage mittels des Wortes zu nähern, ist eine, wenn schon nicht unlösbare, so doch zumindest schwierige Aufgabe – zumal, oder gerade dann, wenn die hier gezeigten Exponate von Ulrike Tillmann mit ihren „wortreichen“ Bildimplikaten allzu schnell problemlose Deutungsgewissheit suggeriert, oder suggerieren möchte?

Was sehen wir? Eine mehrteilige Wandarbeit, deren einzelne Tafeln schon in ihren Ausmaßen an großzügig gestaltete Werbeflächen im öffentlichen Raum erinnern. Auch die wiederkehrende Kombination von Bildmotiven, grafisch-linearen Elementen und Schlüsselwörtern oder -sätzen sind uns vor dem Hintergrund alltäglicher Seherfahrungen hinreichend bekannt. Vielleicht spricht uns darum diese Arbeit sogleich an.

Vertrautheit im Umgang mit diesem Zeicheninventar dürfen wir auch bei der Künstlerin selbst voraussetzen. Ulrike Tillmann absolvierte vor ihrem Studium bei Michael Sandle und Hiromi Akiyama an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe eine Ausbildung zur Grafikdesignerin und ist neben ihrer Arbeit als Bildende Künstlerin bis heute regelmäßig auf dem Gebiet der Werbegrafik tätig.

Nun finden Kunstausstellungen wie diese aber unter dem Diktum der Kunst, und nicht unter dem des Marketings statt. Und, richtig: das, was hier, unseren alltäglichen Sehgewohnheiten gemäß auf den ersten Blick so plakativ entgegenspringt, erweist sich – ganz entgegen marketingstrategischen Anforderungen – beim zweiten Hinsehen nicht als ein-, sondern als doppel-, auf das gesamte Tafelwerk bezogen sogar als ausgesprochen vieldeutig.

Das beginnt bei den Slogans, die uns als allgemein konventionalisierte Sprachzeichen im typografischen Inventar der Bilder noch am ehesten „entgegenkommen“.

Abgesehen von dem eingängigen „waiting by doing„ - wohl eine doppelbödige Replik auf den dem Bereich der Verhaltensforschung entstammenden Begriff des „learning by doing“, die sprachbegrifflich in direktem Sinnzusammenhang mit dem Titel der Arbeit zu stehen scheint – handelt es sich offenbar um Sinnsprüche oder Zitate aus unterschiedlichen Textumgebungen.

Die, für sich genommen, bieten zunächst anscheinend griffige interpretatorische Angriffsflächen.

Wer sich kundig macht, wird denn auch fündig im Umkreis des „Wartesaals“: Mit Becketts „wir finden doch immer was, um uns einzureden, dass wir existieren“ aus „Warten auf Godot“ - das freilich war ein sinnloses, gleich what has been done, was getan wurde. Aber auch hier: es geht um Warten – immerhin.

Schwieriger wird es mit Elias Canettis „Er möchte ganz von vorne beginnen. Wo ist vorn?“

Nun gut, das mag man sich angesichts der möglichen Konvertierbarkeit oder Kompatibilität der Text- und Bildaussagen der einzelnen Tafeln des Poliptychons von Ulrike Tillmann auch fragen: wo ansetzen?

Wo ist der Schlüssel verborgen? Wo die künstlerische Botschaft versteckt?

Sich dann aber mit dem chinesischen Sprichwort „Er fürchtet, dass die fallenden Blätter den Kopf einschlagen werden“ konfrontiert sehen! Daneben geraten also?

Und: was hat Becketts Satz mit einer weiblichen Person am Briefkasten, was die Darstellung einer nicht geradlinigen Bewegung mit ostasiatischen Binsenweisheiten, was Elias Canetti mit der Darstellung einer Unruhe, jenem Mechanismus, der dafür sorgt, dass ein Uhrenlaufwerk wieder aufgezogen werden kann, zu tun?

Im Übrigen auch das – hierin der Systematik der Auswahl der Textbotschaften durchaus verwandt - samt und sonders Bildmotive, die den Darstellungswelten von Nachschlagewerken unterschiedlichster Provenienz entlehnt sind. Spätestens jetzt gibt anhand alltagsoptisch eingeübter Resonanzreflexe bisher für trittsicher Gehaltenes plötzlich nach.

Und auf „Biegen und Brechen“ kommen wir auch nicht weiter.

Oder doch?

Mit Francois de la Rochefoucaulds „Unterdrückten Maximen“ möglicherweise: „Es ist nicht leicht, mehr zu glauben als was man sieht.“

Nicht bloß um das Wahrnehmbare, sondern um Wahrnehmung selbst geht es.

So entpuppt sich Ulrike Tillmann zwischen Werbung und Werk, Kunst und Kampagne, Ikon und Index, Idee und Idiom mit ihren scheinbar dissoziativen Hinweisbeziehungen zwischen Text, Textur und Bild als eine sowohl hochvirtuose als auch hintersinnige Spielerin auf der Klaviatur der Assoziation. 

Ein Spiel, zu dem sie Sie ausdrücklich einläd. Inklusive Spielanleitung: denn aufmerksameren Betrachtern wird nicht entgangen sein, dass sich sowohl einzelne Textfragmente als auch Bildmotive aus „Wartesaal“ in Tillmanns hier räumlich zentraler Installation „Luftraumarchiv“ wiederfinden – auch das mit 160 Blatt nur ein kleiner Ausschnitt aus einem sehr persönlichen Periodensystem der Elemente, das die Hierarchie von Ordnungszahlen, besser: Zuordnungen, außen vor lässt - und buchstäblich in der Schwebe!

Sicherlich: die Künstlerin hat hier eine individuell geprägte Auswahl von Symbolen und Texten getroffen, die einem sehr persönlichen Spiel der Assoziation zugeordnet sind, doch steht die Auswahl nur exemplarisch für die große Fülle von erwartbaren Assoziationen, die jeder Einzelne von uns zwischen Sprache und Bildsprache, zwischen persönlicher Erfahrung und kulturell präformiertem Zeicheninventar für sich in sich trägt.

Willkommen im Wartesaal!

Worauf also noch warten! Faites vos jeux!...